Besser Leben und andere Dinge, die Time Lords nicht können
by Stefanie KlawitterEine Doctor Who Weihnachtsgeschichte
„Das meinst du doch nicht ernst.“
„Oh, und wie ich das ernst meine, Doctor“, sagte Donna und knallte zwei prall gefüllte Einkaufstüten auf die Küchentheke.
Er stellte die anderen drei Tüten, die er getragen hatte, daneben – allerdings deutlich vorsichtiger.
Die Haustür des Temple-Noble-Zuhauses fiel hinter ihnen ins Schloss.
„Ich erinnere dich gerne daran“, fuhr Donna fort, „dass wir es vor allem meiner neuen Nachbarin Yukiko zu verdanken haben, dass wir das letzte Jahr irgendwie überstanden haben. Sie ist eingezogen, hat ihren Mann verloren und hatte trotzdem Zeit, uns zu helfen. Also ja, ich backe ihr einen Weihnachtskuchen. Das ist ja wohl das Mindeste, was ich für sie und ihren kleinen Jungen tun kann.“
Sie fing an, die Einkäufe auszupacken, als hätten sie ihr persönlich den Tag verdorben. Die Mehlpackung explodierte fast dabei.
„Und wir backen immer Weihnachtsplätzchen. Jedes. Jahr. Seit Rose auf der Welt ist.“
Das gemurmelte „Nicht besonders britisch“ des Doctors überging sie dabei geflissentlich. Scheinbar hatte sie keine Lust, ihm den Kopf abzureißen. Stattdessen fuhr sie fort: „Das ist Tradition. Bei uns zumindest. Und dieses Jahr“, sie zeigte mit dem Finger auf ihn, „wirst du dabei helfen.
Der Doctor lehnte sich mit verschränkten Armen im Türrahmen. „Werde ich nicht.“
Donna drehte sich um und sah ihn an, als hätte er gerade zugegeben, dass er den Weihnachtsmann umgebracht hatte. „Wie bitte? Hast du wirklich gerade Nein zu Weihnachtsplätzchen gesagt? Nach all dem Gerede über deine Lieblingsnichte und deine sogenannten besten Freunde? Sogar deine neu gefundene Familie?“
„Ich … ich hab nicht … Ich meine, ich würde nie … nicht vor … das ist …“, stammelte der Doctor. „Das ist nicht fair, Donna.“
Sie stellte sich vor ihn und verschränkte die Arme, genau wie er. „Ich hab nie behauptet, fair zu sein, Spaceboy.“ Sie senkte die Stimme und ihr Blick wurde weicher. „Ich bin nur genau das, was du brauchst.“
„Sehe ich aus, als bräuchte ich eine Backstunde?“
„Nee. Du siehst aus, als bräuchtest du ’ne Therapiestunde. Aber wir müssen nehmen, was wir kriegen können – und Backen kommt dem wohl am nächsten, schätz ich.“ Sie schaltete den Ofen an. „Außerdem ist der Ofen schon an.“
Er starrte sie an, sprachlos.
Aber sie räumte einfach weiter die Einkäufe weg und holte die notwendigen Zutaten und Utensilien hervor.
Schließlich gab er seine Position im Türrahmen auf und ging ihr zur Hand.
„Ich hab noch nie gebacken“, versuchte er es erneut. „Und ich weiß einfach, dass ich das nicht kann.“
„Oh, glaub mir, das ist nicht das Einzige, was du nicht kannst. Aber das hat dich noch nie davon abgehalten, Dinge zu tun.“
„Hey!“
Sie reichte ihm die Ausstechformen, die er hilflos anstarrte.
„Probier es doch einfach mal. Vielleicht wirst du überrascht sein.“
„Ich mag keine Überraschungen“, murrte der Doctor und legte die Ausstechformen auf die Arbeitsplatte.
„Oh wow, du strahlst ja heute richtig vor Freude. Ich hol gleich meine Sonnenbrille raus.“ Donna verdrehte die Augen. „Reiß dich zusammen, Spaceboy. Glaub bloß nicht, du kannst einfach die Einkäufe abliefern und dich dann wieder aus dem Staub machen. Und wage es ja nicht, die Stimmung zu ruinieren“, fügte sie eindringlich hinzu, als er Luft holte, um zu protestieren. „Rose ist gleich zu Hause. Und Shaun und meine Mutter werden auch jeden Moment hier sein. Warum versuchst du nicht einfach mal mitzumachen?“
Der Doctor sah aus, als gäbe es einiges, das er lieber tun würde als das. Gehen zum Beispiel.
Aber er tat es nicht.
Er seufzte nur. Und blieb.
*
Kurz darauf war die Küche voller Leben.
Rose war total begeistert, dass der Doctor zugestimmt hatte, bei ihrem traditionellen Plätzchenbacken am vierten Adventssonntag mitzumachen.
Sobald er in der Küche ankam, startete Shaun seine „absolut beste Weihnachtsplätzchen-Back-Hit-Compilation“ – wobei der Doctor diesen Titel etwas zu sperrig fand für eine ganz normale Weihnachtsplaylist. Shaun trug sogar einen Festtagspullover mit Rudolph, dem Rentier mit der roten Nase, umgeben von Sonnenblumen, kleinen Weihnachtsbäumen und Schneeflocken. Das Teil definierte den Begriff „hässlicher Weihnachtspullover“ völlig neu. Aber wenigstens war Donnas Mann gut drauf.
In der Zwischenzeit hatte Donna alles so gut vorbereitet, dass sogar Sylvia Schwierigkeiten hatte, etwas zu finden, worüber sie sich beschweren konnte. Natürlich schaffte sie es trotzdem.
„Musst du wirklich diesen Kuchen backen? Das ist ja noch nicht mal ein richtiger Kuchen. Nur Schlagsahne und Erdbeeren. Im Dezember! Die müssen ein Vermögen gekostet haben. Und wofür? Ein paar „Ohs“ und „Ahs“ und ein leerer Teller. Und dann all die Mühe …“
„Mama, bitte. Hör auf damit“, unterbrach Donna die Litanei. „Ja, das ist notwendig. Ja, die Erdbeeren waren teuer. Aber weißt du was: UNIT bezahlt mich gut genug, dass ich selbst entscheiden kann, wofür ich mein Geld ausgebe. Jetzt gib mir den Puderzucker. Bitte“, fügte sie mit einem Gesichtsausdruck hinzu, der selbst mit viel gutem Willen kaum als Lächeln interpretiert werden konnte.
„Okay, mach, was du willst“, sagte Sylvia kühl, als sie Donna die Zuckerdose reichte. „Scheint, als würde meine Meinung hier niemand interessieren. Vielleicht sollte ich mir einfach meine Tasse Tee nehmen und mich vor den Fernseher setzen.“
Donna verdrehte die Augen. „Hör schon auf, Mama, bitte. Kümmere dich einfach wie immer darum, die Schokolade zu schmelzen, okay?“
„Ach, dafür brauchst du mich jetzt auf einmal, ja?“ Sie presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, als sie zum Spülbecken ging, um Wasser für das Wasserbad in den Topf zu füllen.
Da Sylvia mit ihrer ersten Beschwerde keinen Erfolg gehabt hatte, wandte sie sich der zweitbesten Option zu.
Ihm.
„Und was glaubst du eigentlich, was du da tust?“
Sie stand direkt neben dem Doctor und durchbohrte ihn mit ihrem Blick, sodass kein Zweifel daran bestand, wen sie meinte.
„Wonach sieht es denn aus? Amateurstunde in der Plätzchenabteilung?“, antwortete der Doctor und versuchte, unbeschwert zu klingen.
„Als ob du den Boden bestäubst, anstatt das Mehl in die Schüssel zu sieben.“
Der Doctor warf einen Blick auf die mit Mehl bedeckte Arbeitsfläche und dann auf die weißen Wölkchen, die daneben hinabrieselten. „Na ja, zumindest sieht der Boden festlich aus.“
Sylvia schnaubte. „Denkst du, du bist bei Schöner Wohnen oder Gordon Ramsays Höllenküche oder so?“
„Kommt drauf an. Bewertest du die Technik oder die Performance?“
Sie verzog den Mund und verschränkte die Arme. „Hast du das schon mal gemacht?“
„Was, den Boden bestäuben? Oder meinst du meine avantgardistischen Backkünste?“, witzelte der Doctor, aber das Grinsen gefror auf seinen Lippen, als Sylvia zurückschoss: „Oh, findest du das lustig? Und wer muss das wieder aufräumen, wenn du deinen Spaß gehabt hast? Richtig – ich. Und ich sag dir mal was: Mehl ist zu dieser Jahreszeit vielleicht nicht so teuer wie Erdbeeren. Aber wir haben nichts zu verschwenden, nur weil Mr. Time Lord hier zwei linke Hände hat bei Dingen, die für uns Normalsterbliche selbstverständlich sind.“
„Mama!“, rief Donna.
„Oma!“, rief Rose gleichzeitig.
„Was?“, schnauzte Sylvia.
„Ist schon okay, sie hat recht“, gab der Doctor zu. „Mir fehlt einfach die Übung in solchen Dingen.“
„Hör auf, Doctor. Wag es ja nicht, die Schuld für etwas auf dich zu nehmen, für das du nichts kannst. Nur weil es jemand nicht erträgt, einmal nicht das Sagen zu haben.“ Sie warf ihrer Mutter einen bösen Blick zu.
„Ach, Papperlapapp! Mach dir keine Gedanken, Donna.“ Er winkte ab, bevor sie einen ausgewachsenen Streit mit Sylvia vom Zaun brechen konnte, und sah sich um. „Vielleicht finden wir etwas anderes, womit ich helfen kann?“
„Du kannst die Eier aufschlagen“, schlug Rose vor, bevor die Situation weiter eskalieren konnte.
„Klar, gerne!“, strahlte der Doctor.
Rose reichte ihm die Eierpackung und eine große Tasse.
Der Doctor schlug das erste Ei am Rand der Tasse auf – aber mit viel zu viel Kraft. Eierschalen flogen in alle Richtungen und die klebrige Pampe tropfte auf die Küchenarbeitsplatte.
„Oh, Entschuldigung.“
Shaun pflückte wortlos ein Stück Eierschale von der Butter, die er gerade abwog.
Beim zweiten Ei griff der Doctor versehentlich zu fest zu und zerquetschte es, bevor es überhaupt den Rand der Tasse berühren konnte.
„Oh ja. Das läuft wirklich großartig“, kommentierte Sylvia, als sie sich zum Herd wandte.
Der Doctor entschuldigte sich erneut und begann, die Sauerei aufzuwischen.
„Mach nur weiter“, sagte Sylvia. „Aber wenn wir neue Zutaten brauchen oder die Küche renovieren müssen, zahlst du.“
Shaun stieß einen leisen Pfiff aus.
„Keine Sorge, Kumpel. Als ich das erste Mal gebacken habe, habe ich fast die Küche in Brand gesetzt. Zweimal.“
Rose nickte. „Und du hättest ihn letztes Jahr sehen sollen. Er sah aus wie der Geist der verstaubten Weihnachten mit dem ganzen Mehl überall.“
Diese Erinnerung brachte alle zum Lachen. Selbst Sylvia konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, obwohl sie schnell wieder einen mürrischen Gesichtsausdruck aufsetzte.
Shaun klopfte dem Doctor auf die Schulter. „Siehst du? Im Vergleich dazu machst du das gar nicht so schlecht. Komm, lass uns weitermachen!“
*
Der Rest des Abends fühlte sich eher an wie betreutes Backen als dass es wirklich Spaß machte. Zumindest für den Doctor.
Alle waren gut drauf und gaben sich Mühe, ihn mit einzubeziehen, und dabei über seine offensichtliche Unfähigkeit hinwegzusehen – oder über die Spur der Verwüstung, die er hinterließ. Aber es half nichts.
Shaun summte jeden Weihnachtssong auf seiner Playlist fröhlich mit und wog die Zutaten ab wie ein Profi. Rose kicherte über den Klecks Puderzucker, den Donna ihr auf die Nase getupft hatte, bevor sie die Backbleche für die erste Ladung Kekse einfettete. Sogar Sylvia hatte aufgehört zu nörgeln – zumindest größtenteils. Stattdessen servierte sie Tee und bereitete ein paar Sandwiches für das Abendessen vor.
Nur er schien nicht dazu zu gehören.
Jedes Mal, wenn sie ihm etwas zu tun gaben – irgendeine neue Aufgabe, irgendeinen gut gemeinten Vorschlag –, wurde es nur noch schlimmer. Nichts fühlte sich richtig an. Er kam sich ungeschickt vor, fehl am Platz – und immer mehr im Weg.
Als niemand hinsah, holte er seinen Schallschraubenzieher heraus und richtete ihn auf den Ofen – nur um die Backzeit zu verkürzen und wieder auf vertrautes Terrain zu kommen – aber das machte Donna nur richtig sauer.
„Aber so geht es schneller!“, beharrte der Doctor.
„Du hast sie nicht gebacken, du hast sie eingeäschert!“, schnauzte sie ihn an und kratzte die verkohlten Briketts vom Blech.
Rose öffnete unterdessen die Verandatür, um den Qualm rauszulassen.
„Außerdem ist das nicht der Sinn der Sache!“, fügte Donna scharf hinzu.
Der Doctor rang die Hände.
„Ich wollte nur helfen!“
„Ich weiß“, sagte Donna und bemühte sich, sich zu beruhigen. „Das tust du immer. Aber ich dachte, gerade du als Time Lord würdest verstehen, dass es nicht darum geht, wie schnell wir hier fertig werden.“
„Nun, keine meiner Time-Lord-Fähigkeiten ist im Moment auch nur ansatzweise nützlich.“
„Dann fang doch vielleicht an, deine anderen Fähigkeiten zu benutzen. Oder noch besser – entspann dich einfach mal.“
Der Doctor schnaubte – dann bemerkte er, dass es im Raum still geworden war. Alle sahen ihn an.
„Na ja, vielleicht … hast du recht“, begann er zögernd. „Vielleicht ist es besser, wenn ich kurz frische Luft schnappen gehe.“
„Dann nichts wie los“ sagte Donna und begann, das Backblech einzufetten, das sie gerade von den verkohlten Plätzchenresten befreit und abgespült hatte.
Rose nickte ihm aufmunternd zu. „Ich komme dich holen, sobald die Kekse fertig zum Verzieren sind. Falls du bis dahin nicht wieder zurück bist.“
„Danke.“
Der Doctor steckte seinen Schallschraubenzieher ein und drehte sich um. Die Verandatür stand weit offen – er hätte direkt nach draußen treten können. Stattdessen wandte er sich ab und schlug den Weg zur Haustür ein.
Sie fiel fast geräuschlos hinter ihm ins Schloss.
Zuerst wollte er nur nach draußen gehen und ein paar Mal tief durchatmen. Aber als er aus der Tür war, blieb er nicht stehen. Er lief einfach weiter. Kurz darauf begann er zu rennen. Die Straße hinunter, um die nächste Ecke und dann immer weiter und weiter.
Die Straßen von Chiswick waren gesäumt mit unzähligen Häusern, die festlich mit Lichterketten, Kränzen und aufblasbaren Schneemännern geschmückt waren. Doch die Lichter und Farben verschwammen vor seinen Augen, während er rannte, und er nahm nichts davon wirklich wahr.
Als er endlich bei seinem Haus ankam – Meilen und Stunden von allen anderen entfernt –, rang er nach Atem, er schwitzte, seine Kleidung war völlig durcheinander und sein Haar feucht und zerzaust.
Er riss sich die Krawatte vom Hals und schleuderte sie achtlos in den Flur. Mit zitternden Fingern knöpfte er seine Weste auf und warf sie beiseite, während er durchs Wohnzimmer stolperte.
Sein Mantel … wo war sein Mantel? Der Gedanke schoss ihm kurz durch den Kopf, dann tauchte das Bild des Flurs der Nobels vor seinem inneren Auge auf. Er presste die Augenlider fest zusammen und schüttelte den Kopf.
Raus. Raus!
Er stieß die Tür auf und stürmte in seinen Garten.
Er konnte das nicht.
Er hielt es nicht aus.
Es war, als könnte er sich niemals in ihr normales Leben, ihren schönen, aber ganz gewöhnlichen Alltag einfügen. Die Zeit, die sie als Familie verbrachten, war nicht seine Zeit, auch wenn sie alle sich sehr bemühten, ihn zu integrieren.
Aber er konnte es nicht.
Er fühlte sich fremd. Wie ein Außerirdischer. Und genau das war er.
Er konnte nichts dagegen tun.
*
Als er wieder zur Besinnung kam, stand er in seinem Garten, unter dem kahlen Rosenbogen, unter dem Nachthimmel, die Hände gegen das vertraute blaue Holz seines Gartenhäuschens gestemmt. Nein – seiner TARDIS.
Er lehnte sich näher an sie und presste seinen ganzen Körper gegen das Holz, als wollte er darin versinken. In der Dunkelheit der Dezembernacht verschmolzen ihre Silhouetten. Als der Doctor die vertraute Präsenz seiner treuen Begleiterin unter den Fingerspitzen spürte, beruhigten sich sein hektischer Atem und das wilde Trommeln seiner Herzen allmählich.
Und langsam, ganz langsam, ließ der tosende Sturm in seinem Kopf nach und machte Platz für klarere Gedanken.
Klarer, als ihm lieb war.
Er wusste, dass er es vermasselt hatte.
Er fühlte sich miserabel. Nicht nur, weil er den Menschen, die ihm im Moment am wichtigsten waren, den Abend verdorben hatte. Sondern auch, weil er selbst nicht in der Lage war, irgendetwas davon zu genießen. Überhaupt nichts.
Warum konnte er nicht locker bleiben und sich einfach mal treiben lassen?
Jeder Fehler, jedes gezwungene Lächeln, jeder Zweifel daran, was zum Teufel er dort eigentlich tat – all das hatte ihn aus der Fassung gebracht.
Mittlerweile hatten sie wahrscheinlich gemerkt, dass er nicht nur draußen vor der Tür war. Er war weg. Einfach abgehauen. An den einzigen Ort, an dem er sich sicher fühlte. An dem er sich wohlfühlte. An dem er zu Hause war.
Er schnippte mit den Fingern.
Die Tür der TARDIS öffnete sich quietschend.
Und er schlüpfte hinein.
*
Es wäre ein Leichtes, einen kleinen Sprung nach vorne zu machen. Nur fünf Tage – bis zum ersten Weihnachtsfeiertag. Oder besser noch: Sechs Tage. Das Plätzchenbacken hatte er schon ruiniert. Da musste er ihnen nicht auch noch Weihnachten selbst verderben.
Der zweite Weihnachtsfeiertag reichte völlig aus.
Nur ein kurzer Besuch – frohe Weihnachten wünschen, vielleicht ein kleines Geschenk für Rose vorbeibringen, die Plätzchen loben, die ohne seine Einmischung zweifellos deutlich besser gelungen waren. Und dann: Wieder verschwinden bis Silvester.
Er lehnte sich gegen die Steuerkonsole und ließ seinen Blick schweifen – über die dunklen Anzeigen, die unzähligen Knöpfe, Hebel, Kurbeln und Steckplätze, den schwach leuchtenden Zeitrotor in der Mittelsäule, die hohe Decke, die schwach beleuchteten Wände mit den vertrauten Roundels.
Er atmete ein.
Er atmete aus.
Einen Moment später kam eine Windböe auf, und das markante Mahlen und Ächzen erfüllte den Garten.
Als der Wind sich legte, war das Gartenhäuschen verschwunden. Und die Nacht war wieder still.
*
Der Ausflug war lang und chaotisch gewesen – und genau das, was er gebraucht hatte, um den Kopf frei zu kriegen.
Trotzdem hatte er nicht vergessen, ein paar Sachen zu besorgen – schließlich wollte er nicht mit leeren Händen zurückkommen.
„Was denkst du, hm?“, fragte der Doctor in die Stille des Kontrollraums hinein. „Der Abend des 26. Dezembers. Perfekt, oder? Schön und sicher. Und wir gehen niemandem mehr als nötig auf die Nerven.“
Die TARDIS brummte leise, als er das Datum und die Uhrzeit eingab und den letzten Hebel zog.
Wenige Augenblicke später landete die TARDIS mit dem üblichen Ächzen und Keuchen und kam mit einem Klong zum Stehen. Der Doctor richtete seine Kleidung und setzte ein Lächeln auf. Er schnappte sich die beiden großen Säcke mit Geschenken und riss die Tür auf.
Die TARDIS hatte sich ein paar Meter weiter die Straße runter materialisiert. Der Doctor marschierte schnurstracks zum Haus der Noble-Temples und stürmte ohne zu zögern durch die Haustür.
„Ho, ho, ho!“, rief er fröhlich. „Hallo! Ich bin’s! Schaut mal, was ich mitgebracht hab!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, stapfte er den Flur entlang und riss die Wohnzimmertür auf.
„Frohen zweiten Weihnachtsfeiertag euch allen!“, strahlte er.
Vier Augenpaare richteten sich auf ihn.
Sylvia, die sich mit einer Tasse Tee in einem Sessel niedergelassen hatte, verzog das Gesicht.
Rose, die sich im anderen Sessel zusammengerollt hatte, schenkte ihm ein kurzes, höfliches Lächeln – das jedoch nicht bis zu ihren Augen reichte.
Und Donna und Shaun, die sich auf dem Sofa aneinander gekuschelt hatten, fuhren auseinander wie Teenager, die beim Knutschen hinter der Turnhalle erwischt worden waren. Shaun schaffte es, sich ein wenig aufzurichten und dem Doctor halbwegs freundlich zuzunicken.
Aber Donna …
Donna warf ihm einen so scharfen Blick zu, dass ihm der Atem stockte. Sie sagte kein Wort – aber in diesem Moment sah sie ihrer Mutter ähnlicher denn je.
Der Doctor stockte auf halbem Wege.
„Ich, äh … habe gemerkt, dass ich völlig vergessen hatte, Geschenke für alle zu besorgen“, sagte er, hob die Beutel etwas höher und versuchte, fröhlich zu klingen. „Also bin ich kurz ausgeflogen. Nur eine kurze Spritztour. Ein paar Lichtjahre. Ihr wisst schon … das Übliche … ähm …“ Er verstummte und suchte nach Worten.
Donna stand mit verschränkten Armen da. Es war offensichtlich, dass sie eine Menge sagen wollte – und zwar alles andere als leise. Stattdessen holte sie tief Luft und fragte: „Was meinst du mit ,frohen zweiten Weihnachtsfeiertag‘? Wir haben den ersten Weihnachtsfeiertag, Spaceboy. Es ist halb elf abends. Wenn du also nicht gerade deine eigene Zeitzone erfindest …“ Sie neigte den Kopf. „… bist du zu spät.“
„Ich … entschuldige, was?“
Da stand er nun, sprachlos, in dem warmen, sanft beleuchteten Wohnzimmer, das nach Tannen, Zimt und irgendetwas Süßem roch. Etwas Süßes wie … Plätzchen. In der Ecke stand stolz der Weihnachtsbaum, an dem ein paar Kugeln leicht schief hingen und dessen Lametta im goldenen Licht der Lichterkette glitzerte. Unter den geschmückten Zweigen lagen ein paar – bereits ausgepackte – Geschenke. Dampfende Tassen mit Tee und halb leere Plätzchenteller standen auf dem Couchtisch. Im Fernsehen schmachtete Elvis Costello gerade „She may be the face I can’t forget …“ und Julia Roberts schenkte den Kameras ein geheimnisvolles Lächeln.
Der Doctor stand immer noch wie angewurzelt da, einer der Säcke rutschte ihm aus der Hand und landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden.
„Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht …“ begann er und machte einen Schritt zurück.
Aber Donna ließ sich nicht davon beirren. „Wage es ja nicht, dich wieder dahin zurückzuschleichen, wo du gerade hergekommen bist.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Sieht aus, als hättest du wieder mal das falsche Timing gehabt, was? Time Lord?“
Der Doctor holte Luft, um etwas zu erwidern, aber sie unterbrach ihn mit einer scharfen Handbewegung.
„Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht hast du endlich mal das richtige Timing erwischt.“ Ihr Blick wurde weicher und sie streifte ihre einschüchternde Haltung ab, als sie einen Schritt auf ihn zuging. „Du Dummkopf.“
„Entschuldige mal bitte?!“
„Du hast mich schon gehört, du großer, begriffsstutziger Dummkopf“, wiederholte Donna. Sie klang nicht im Geringsten abfällig oder gar wütend. Wenn überhaupt, dann war ihr Tonfall sanft.
Genauso wie ihre Umarmung.
*
„Wir wussten, dass du mal wieder abgehauen bist“, sagte Donna und reichte ihm eine dampfende Tasse Tee.
„Wirklich?“
„Deine TARDIS war weg“, sagte Rose.
Alle hatten es sich wieder auf den Polstermöbeln bequem gemacht. Der Fernseher war aus, stattdessen hatte Shaun leise eine Weihnachtsplaylist angemacht.
„Weißt du, ich wollte am nächsten Tag vorbeikommen, um dich zum Weihnachtsessen einzuladen und deinen Mantel und ein paar der Kekse vorbeizubringen, die wir zusammen gebacken hatten“, erklärte Rose. „Aber dein Haus war verlassen – und dein Garten auch.“
Der Doctor richtete sich auf. „Oh, stimmt. Wie ich schon sagte – mir ist plötzlich eingefallen, dass ich keine Geschenke hatte, und ich …“ Er verstummte, als er die Blicke der anderen bemerkte.
„Weißt du, ich habe keine Geschenke erwartet“, sagte Donna beiläufig.
„Ich auch nicht“, stimmte Rose zu.
„Und ich schon gar nicht“, fügte Shaun hinzu.
„Hmpf“, war alles, was Sylvia von sich gab.
„Nun, ich konnte doch nicht mit leeren Händen hier auftauchen und …“, begann der Doctor, wusste aber nicht, wie er überzeugend weitermachen sollte.
Er hielt inne.
Dann holte er tief Luft und straffte die Schultern.
„Es tut mir leid. Ich hab mich total mies gefühlt, weil ich so nutzlos war und euch dann alle im Stich gelassen habe. Ich dachte, ich müsste es wieder gutmachen.“
„Endlich hast du es gesagt.“
Der Doctor blinzelte und runzelte verwirrt die Stirn. Er sah Donna an.
„Gut gemacht, Spaceboy“, fügte sie hinzu und lächelte leicht – dann wurde sie wieder ernst. „Also, wärst du jetzt so nett, mir zu erklären, warum du dachtest, du hättest hier nichts zu suchen – heute, gestern oder in der ganzen letzten Woche? Ich meine, dein blödes Raum-Zeit-Schiff kann dich doch jederzeit hier absetzen, wann immer du willst.“
Der Doctor schluckte. „Nun ja, eher wann immer sie will. Ich hatte eigentlich auf morgen gezielt, aber …“ Er brach ab, als sich Donnas Stirn in Falten legte. Es ließ die Spitzfindigkeiten wohl besser sein. „Wie auch immer. Ich wollte einfach nicht in euer schönes Familienweihnachtsfest platzen und alles ruinieren.“
„Oh, wie gut, dass du das nicht getan hast“, sagte Donna mit einem Grinsen. „Abgesehen von dem Teil mit dem Ruinieren. Aber mal im Ernst: Warum kriegst du es nicht in deinen dicken Time-Lord-Schädel, dass du auch zu dieser Familie gehörst?“
Der Doctor erstarrte.
„Oh, bitte, erspar mir diesen abgedroschenen Reh-im-Scheinwerferlicht-Blick“, sagte Sylvia und stellte ihre Teetasse mit einem Klirren ab. „Sei froh, dass ich dich nicht direkt wieder rauswerfe, nachdem du hier mit so einer guten Laune hereingestürmt bist, als wäre nichts gewesen. Du warst es nicht, der fünf Tage lang Roses enttäuschtes Gesicht sehen musste – oder sie davon abhalten musste, dreimal am Tag vor deiner Tür zu campen und darauf zu warten, dass du von deinem kleinen Schmoll-Ausflug zurückkommst.“
„Oma …“, protestierte Rose schwach.
„Ich habe doch recht, oder nicht? Es war unerträglich!“ Sie starrte ihn an. „Ich habe euch gleich gesagt, dass das nicht funktionieren würde. Dass sich der feine Herr Doctor hier nie auf so etwas eingelassen hätte. Aber Rose wollte unbedingt Zeit mit dir verbringen. Dich einbeziehen. Sie wollte, dass du Teil unserer Familientraditionen wirst. Nur das passte dir nicht, nicht wahr? Keine Rampenlicht, keine Menschenmassen, die dem großen Helden zujubeln. Nur eine ruhige Zeit und ganz normale Leute. Also bist du abgehauen. Und was hat das gekostet? Sieh sie dir an. Das war der Preis, den du dafür bezahlt hast. Übernimm also, verdammt noch mal, wenigstens dieses eine Mal die Verantwortung, klar?“
„Oma, hör schon auf“, sagte Rose. „Es ist okay. Wir haben es verstanden, oder?“ Sie sah den Doctor hilfesuchend an.
„Das haben wir“, sagte er entschlossen und hielt Sylvias Blick stand.
Dann sah er sie alle an, ganz so, als würde er sie zum ersten Mal ansehen. Wirklich ansehen.
Sylvia, die immer noch schimpfte, jetzt aber leise.
Shaun, der an einem Keks knabberte und versuchte, unterm Radar zu bleiben, um seinen drei Frauen nicht in die Quere zu kommen.
Rose, der das Ganze sichtlich peinlich war, die aber nicht umhin konnte, erwartungsvoll zum Doctor zu blicken.
Und Donna, die einfach nur da saß, die Arme verschränkt, und darauf wartete, dass er endlich einen Schritt vorwärts machte.
Die Lichterketten blinkten einmal.
Dann noch einmal.
„Entschuldigt, dass mein Schädel so dick ist. Time Lord-Physiologie“, sagte der Doctor mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen. „Und danke. Nächstes Jahr versuche ich es besser zu machen.“
Rose fiel ihm ohne zu zögern um den Hals. „Das wirst du!“, sagte sie strahlend.
Der Doctor fing sie lachend auf.
Donna nickte nur anerkennend. „Das solltest du echt, mein Lieber.“
Endlich schien sich die Spannung gelöst zu haben.
„Aber wartet mal. Auf eine Sache müssen wir nicht ein ganzes Jahr warten. Wisst ihr noch? Ich hab euch was mitgebracht!“ Der Doctor sprang auf, schnappte sich die beiden prall gefüllten Säcke und hielt sie triumphierend hoch. „Und ich bin nicht einmal zu spät, wie ich zuerst gedacht habe. Also noch einmal: Ho, ho, ho und frohe Weihnachten euch allen!“
*
Den Rest des Abends verbrachten sie mit gemütlichem Plaudern und leisem Lachen, mit einer Tasse Tee in der Hand und den letzten Keksen, die langsam vom Teller verschwanden. Donna erzählte ihnen von Yukiko und dem Weihnachtskuchen – wie sehr sie sich über die Geste gefreut hatte und dass sie Donna und die anderen eingeladen hatte, ihn an Heiligabend mit ihr und ihrem Sohn zu essen.
„Da hast du wirklich was verpasst, Herr Ich-reise-durchs-Universum. Es war köstlich. Und es hat so viel Spaß gemacht.“
„Das glaube ich gern!“
„Als Gegenleistung hat sie uns Mince Pies fürs Weihnachtsessen gegeben. Und es tut mir sehr leid, dir mitteilen zu müssen, dass kein einziges davon übrig ist.“ Donna grinste ihn ungeniert an.
Der Doctor machte ein angemessen trauriges Gesicht, bevor er zu erzählen begann, wo und wie er ihre Geschenke aufgetrieben hatte.
Gerade hatte er eine Glaskugel auf den Couchtisch gestellt, die zarte Schneeflocken an die Decke projizierte. Und dann fing es tatsächlich an, im Zimmer zu schneien – nur dass die winzigen Flocken zu verschwinden schienen, bevor sie den Boden berührten, und sie fühlten sich nicht kalt und nass an, sondern gaben ihnen allen ein warmes, behagliches Gefühl.
„Frisch vom Weihnachtsplaneten! Kein Scherz, den gibt’s wirklich. Das müsst ihr gesehen haben! Die Bewohner sind total begeistert von eurer hübschen kleinen Tradition hier auf der Erde. Und sie lieben Schnee und Weihnachtsbeleuchtung so sehr, dass sie diese Schneekugel erfunden haben. Die ist dort gerade der letzte Schrei. Seid froh, dass ich eine ergattern konnte!“
„Lass mich raten“, warf Donna ein. „Du musstest wieder einmal ein paar Millionen Leute vor einer apokalyptischen Bedrohung retten, genau wie hier. Ich meine, wenn sie schon die Weihnachtstraditionen der Erde übernehmen, dann auch richtig.“
„Ach, Papperlapapp!“, rief der Doctor. „Niemals! Na ja, vielleicht ein bisschen. Ich musste auf jeden Fall ein frisches Hemd anziehen, bevor ich nach Thadruatera geflogen bin, weil diese Laserstrahlen es wirklich ruinier… ach, egal!“ Er grinste breit. „Jedenfalls bin ich danach nach Thadruatera geflogen –“
„Sag das dreimal schnell hintereinander“, lachte Rose.
„Lieber nicht“, antwortete der Doctor. „Ich habe mir gerade zweimal schon fast die Zunge verknotet.“ Er kramte in seinem Beutel mit Geschenken herum. „Wie dem auch sei, ich habe das hier für dich.“
Er stellte ein wunderschön verpacktes Geschenk auf den Tisch.
„Die Thadruateraner sind äußerst talentierte Handwerker. Und während ihrer Sommersaison gibt es ein Fest, bei dem sie etwas backen, das sie ,Sternkuchen‘ nennen. Die sind aber nicht etwa sternförmig oder so. Sie funkeln nur wie echte Sterne.“
Er hob den Deckel der Geschenkbox und enthüllte zwei aufwendig gearbeitete, handflächengroße Ausstechformen und eine Tüte mit einer seltsamen, außerirdisch anmutenden Aufschrift.
Rose beugte sich vor, um die Sachen genauer zu inspizieren. Die Lichterketten funkelten in ihren Augen.
„Das ist Mehl von einer Pflanze, die bei hohen Temperaturen bioluminesziert“, erklärte der Doctor.
„Und jetzt noch mal für alle, die Gallifreyisch nicht als Wahlpflichtfach hatten?“, warf Donna ein.
„Das Zeug leuchtet und funkelt, wenn es gebacken wird“, erklärte der Doctor. „Und das war nicht einmal Gallifreyisch, nur …“ Er verstummte, als er Donnas Blick aufschnappte, und grinste ein Schafsgrinsen.
Rose nahm die Ausstechformen und das Mehl voller Ehrfurcht in die Hand und betrachtete alles ganz genau.
„Heißt das, wir versuchen nächstes Jahr wieder, dich in die Backtradition einzubeziehen?“, fragte sie vorsichtig.
„Na ja, wir haben ja ein ganzes Jahr Zeit, damit du mir die Grundlagen beibringen kannst, oder?“
Roses Gesicht hellte sich auf. „Oh, sehr gerne! Schließlich habe ich fünfzehn Jahre Erfahrung beim Plätzchenbacken! Und denk daran, du musst nicht gleich beim ersten Versuch perfekt sein. Es geht nicht um das Ergebnis. Wir wollen einfach nur etwas Zeit als Familie verbringen – und dazu gehörst du auch! Einfach entspannen, ein bisschen lachen, ein bisschen Chaos veranstalten … sowas in der Art.“
„Ich versteh es jetzt. Endlich.“ Der Doctor lächelte aufrichtig. „Danke.“
„Nur noch ein Tipp, Kumpel“, warf Shaun ein. „Benutz bloß nicht wieder deinen Schallschraubenzieher. Wenn jemand dafür zuständig ist, die Küche in Brand zu setzen, dann bin ich das! Ich hab einen Ruf zu verteidigen. Du kannst wieder alles mit Mehl bestäuben!
„Versprochen!“, grinste der Doctor. „Nächstes Mal wird die Küche funkeln – aber garantiert nicht vor Sauberkeit.“
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