In der klaren Mitternacht
by Stefanie KlawitterEine Doctor Who Weihnachtsgeschichte
Das Dröhnen der TARDIS- Triebwerke verstummte und die leuchtenden kreisförmigen Elemente über der Konsole hörten auf, sich zu drehen.
„Bitte schön.“ Der Doctor lehnte sich zurück und deutete zur Tür. „Du bist pünktlich zurück für deinen kleinen Nachmittagsclub in Coal Hill. Denn der ist natürlich deutlich spannender als der nur einmal in tausend Lebensspannen zu beobachtende Sonnenaufgang auf Gearrth, der Nachmittagstee mit Ada Lovelace oder eine Expedition an den Rand des bekannten Universums. Genau dort, wo du unbedingt abgesetzt werden wolltest.“
„Du hast ein Zeit- und Raumschiff“, sagte Clara. „Wir können das alles machen, wann immer wir wollen. Aber ich hab versprochen, dass ich für unsere Musiklehrerin Mrs. Blakesley einspringe, solange sie krank ist, und dafür sorge, dass der Chor probt. Diese Weihnachtsaufführung war zum Teil meine Idee, also helfe ich auf jeden Fall bei den Vorbereitungen.“
„Oh ja, nichts ist so abenteuerlich wie das Kopieren von Notensätzen.“
Clara sah ihn scharf an.
„Und mit diesem Zeit- und Raumschiff“, fügte der Doctor hinzu und breitete in einer Geste, die den gesamten Kontrollraum umfasste, die Arme aus, „kann ich dich genau an diesem Zeitpunkt absetzen, wann immer du willst. Es gibt so viel zu sehen da draußen, ein ganzes Universum. Und trotzdem bevorzugst du so was Langweiliges – und dann auch noch so was Weihnachtliches!“
„Komm schon, Doctor, sei nicht so ein Griesgram.“
„Nun, ich bin ein Griesgram. Das liegt in meiner DNA.“
„Das liegt ganz offensichtlich in deiner aktuellen DNA.“ Clara verschränkte die Arme. „Dein Vorgänger hätte sich sehr gefreut, bei der Weihnachtsfeier der Kinder mitzuhelfen. Er hätte längst als Backgroundsänger auf der Bühne gestanden, mit einer Weihnachtsmütze auf dem Kopf!“
„Regeneration – das ist ’ne Lotterie. Und jetzt wäre ich eben froh, wenn du mich mit dem ganzen Weihnachtskram verschonen könntest.“
„Pff, ja, ’ne Lotterie. Ich frag mich, warum wir von allen möglichen Optionen diesmal ausgerechnet Scrooge bekommen haben.“
„Humbug! Ich mag Weihnachtslieder einfach nicht. Ich kritisiere sie höchstens. Und du willst wirklich nicht, dass ich die Kinder hier und jetzt kritisiere.“
Clara verzog das Gesicht. „Nein, das will ich wirklich nicht. Weder heute noch wann anders.“ Sie drehte sich um und ging zur Tür. „Na gut, dann bleib halt hier oder flieg direkt nach Gearrth und schau dir den Sonnenaufgang an. Was auch immer. Ich werde jetzt diese langweilige Sache machen: Auf die Kinder aufpassen und eine gute Zeit mit ihnen verbringen.“
Sie öffnete die Tür der TARDIS und warf einen Blick über die Schulter zurück. Aber der Doctor folgte ihr nicht. Er stand an der Konsole, starrte auf einen winzigen Bildschirm und brütete vor sich hin.
„Du weißt, dass du jederzeit dazukommen kannst. Das würde dir auch ziemlich guttun.“
„Ja, ja. Ab mit dir. Hopp, hopp!“, sagte der Doctor, ohne vom Bildschirm aufzublicken. Er wedelte mit der Hand. „Bis dann irgendwann.“
„Na gut, wann auch immer es bei dir passt“, murrte Clara und ging.
Der Doctor runzelte die Stirn. Es gab eine winzige Anomalie, eine lokale Raumverzerrung, die die TARDIS registriert hatte. Das konnte alles Mögliche bedeuten oder auch gar nichts. Wahrscheinlich gab es keinen Grund zur Sorge. Es gab nie einen Grund zur Sorge – bis es doch einen gab.
Er ging um die Konsole herum, überprüfte einige Messwerte und stellte ein paar Berechnungen an.
Es war auch ganz in der Nähe, höchstens hundert Meter entfernt.
„Weißt du, ich hab da wirklich keine Lust drauf“, sagte der Doctor zur Luft um sich herum. Er seufzte. „Also, auf geht’s.“
Er schnappte sich das Nötigste und war schon aus der Tür.
*
„In der klaren Mitternacht erklang das herrliche alte Lied …“
Leise Musik schwebte durch die menschenleeren Schulflure, zusammen mit dem Lachen von Kindern und einem geschäftigen Treiben, das aus der Schulaula kam.
„… von Engeln, die sich zur Erde neigten, um ihre goldenen Harfen zu spielen …“
Ein Weihnachtslied. Was auch sonst.
Der Doctor verzog das Gesicht.
Nachdem er alles in der unmittelbaren Umgebung überprüft und nichts Ungewöhnliches gefunden hatte, blieb nur noch die Schulaula übrig.
Der Geruch von Farbe, Lebkuchen, Tee und trockener Heizungsluft empfing ihn. In der Nähe der Doppeltüren standen ein paar ordentlich übereinandergestapelte Stühle. Davor war ein Tisch, auf dem Thermoskannen mit Tee und ein Tablett mit Snacks standen. Quer durch den Saal hatte eine Gruppe Elfjähriger alle möglichen Materialien und Werkzeuge ausgebreitet und war damit beschäftigt, Requisiten zu basteln. Silberner und goldener Glitzer bedeckte den Boden. Ein paar der Kinder summten das Weihnachtslied mit, das aus einer Boombox auf der kleinen Bühne schallte. Über ihnen wiegte sich ein einzelner Pappengel mit weißem Kleid und goldenem Heiligenschein sanft in einem Luftzug.
Clara stand in der Mitte des Raumes und erklärte einem Mädchen, wie man ein großes Stück Pappe zuschneidet, ohne die Weihnachtsfeier versehentlich in ein Halloween-Special zu verwandeln. Als sie den Doctor bemerkte, ging sie schnurstracks zu ihm hinüber.
„Hör dir das an, Scrooge. Das ist eines der Lieder, die wir für die Weihnachtsfeier einstudieren. Schön, nicht wahr?“
„Ein Weihnachtslied bleibt ein Weihnachtslied“, murrte der Doctor. „Die machen einen nur sentimental und besinnlich, und der Weihnachtsmann mag sie bei weitem nicht so sehr, wie ihr Menschen immer denkt. Wir beide stehen eher auf Rockmusik.“
Clara verdrehte die Augen. „Und trotzdem bist du hier. Was hat deine Meinung geändert?“
„Ach, nichts.“ Der Doctor versuchte sich an einem kurzen Lächeln. „Ich wollte nur … einen besseren Eindruck bekommen. Du weißt schon, von allem.“
„Kaum zu glauben, dass du mit dieser Sonnenbrille überhaupt irgendwas erkennen kannst“, bemerkte Clara. „Warum trägst du die überhaupt?“
„Weil sie cool ist!“, sagte der Doctor. „Ich seh cool aus damit, oder nicht? Außerdem sind die Kinder entspannter, wenn sie nicht sehen, wie ich mich umschaue und alles anstarre. Siehst du? Ich gebe mir Mühe.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ein alter Griesgram mit Sonnenbrille sie nicht noch mehr verunsichert“, sagte Clara. „Wie auch immer, es ist toll, dass du dich doch entschlossen hast, dem Ganze eine Chance zu geben.“
Sie wandte sich an die Kinder, die gerade damit beschäftigt waren, Sachen zu basteln und zu bemalen.
„Hört mal alle zu. Das ist der … Hausmeister. Doktor John Smith.“
Die meisten Kinder schauten den Doctor misstrauisch an.
Maisie, ein rothaariges Mädchen mit neugierigen Augen, legte ihren Pinsel auf den Eimer mit der weißen Farbe und stand auf. „Warum ist der Hausmeister ein Doktor?“, fragte sie ohne Umschweife.
„Alles nur Tarn–“ Claras Ellbogen landete zielsicher in seinen Rippen. „Tanz- und Gesang-Interesse. Und Bühnebau. Und sehr großes Interesse am Chor. Besonders an diesem Chor. Nennt mich einfach Doctor und ignoriert mich. Ich hänge hier einfach rum, schaue euch Kleinen zu, wie ihr eure kleinen Dinge macht und …“
„Er ist auch hier, um euch bei den Proben zu helfen“, beendete Clara den Satz für ihn. Sie brauchte keinen Seitenblick, um zu wissen, dass der Doctor sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
„Wie soll uns ein Hausmeister bei den Proben helfen?“, fragte Nicky, ein Junge in schwarzen Latzhosen. Er war näher gekommen, die Schere und den halb ausgeschnittenen Pappstern noch in der Hand, blieb aber auf Distanz zu dem alten Mann mit der Sonnenbrille.
„Er sieht nicht mal wie ein Hausmeister aus“, meinte Robin, das Gesicht mit goldenen Farbspritzern übersät.
Bevor der Doctor sich eine Erklärung ausdenken konnte, die die Situation definitiv verschlimmert hätte, fügte Clara schnell hinzu: „Nun ja, weil er ein sehr erfahrener Hausmeister ist und … ein Doktor der Musik. Er sieht vielleicht nicht so aus, aber er ist ein ziemlich musikalischer Typ und ein guter Lehrer, also kann er euch sicher ein paar Tipps geben, solange Mrs. Blakesley krank ist.“
„Sieht echt nicht so aus“ sagte Maisie und kniff die Augen zusammen. Dann zuckte sie mit den Schultern, nahm ihren Pinsel wieder in die Hand und malte weiter an dem Engel aus Pappe vor sich. Nicky, Robin und die anderen Kinder machten auch weiter und damit war die Sache erledigt.
Clara drehte sich grinsend zum Doctor um. „Siehst du? Das lief doch ziemlich gut, oder?“
Er starrte sie immer noch mit offenem Mund an. „Ich habe mich nie freiwillig für Musikunterricht gemeldet! Ich bin der coole Onkel – ich schaue von der Seitenlinie zu, feuere die Kleinen an, wenn auch wider besseres Wissen. Außerdem ist das ein Kinderchor! Hast du dir jemals einen Kinderchor angehört?“
Clara ließ sich davon nicht beirren. Sie klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Du bist hierhergekommen, um dir einen besseren Eindruck zu verschaffen, oder? Also mach dich bis zur Chorprobe nützlich und stell deine langen Beine auf die Leiter da drüben. Ein Engel und ein paar Sterne warten darauf, über der Bühne aufgehängt zu werden. Also, ab mit dir. Hopp, hopp!“
„Das mit dem Hausmeister war nur als Tarnung gedacht, nicht als Karriereziel“, brummte der Doctor. Aber er schnappte sich trotzdem die Leiter.
*
Der Doctor stand auf der obersten Sprosse der Leiter und hängte den Pappengel auf, den Clara ihm gereicht hatte. Als er im Begriff war, die Sterne direkt daneben anzubringen, tippte er unauffällig an den Rand seiner Sonnenbrille. Sie surrte so leise, dass nur er es oben auf der Leiter hören konnte. Er blickte sich um.
Einige der Messwerte zeigten leichte Abweichungen und waren definitiv nicht menschlich. Der Ursprung der Signale lag mindestens in sieben Dimensionen und verursachte kleinere Störungen in der lokalen Realität, wie sich überlagernde Rippelmarken. Allerdings konnte der Doctor die genaue Quelle noch nicht lokalisieren. Was auch an den weihnachtlichen Hintergrundgeräuschen aus der Boombox liegen konnte, die bereits begannen, seine Gedanken in Brei zu verwandeln.
„Willst du dort oben Wurzeln schlagen?“, fragte Clara. Sie stand unten und hielt zwei weitere Pappsterne in der Hand. „Oder hast du mit dieser Sonnenbrille deine Umgebung komplett ausgeschaltet?“
„Weder noch“, antwortete der Doctor. „Ich habe einen hervorragenden Überblick über alles, und das Einzige, was ich wirklich ausschalten möchte, ist diese Musik.“
„Wie immer sehr charmant“, sagte Clara trocken und reichte ihm die Sterne.
Er heftete sie achtlos an die Halterung über der Bühne.
„Hey, mach das ordentlich!“
„Ich bin nur der Hausmeister, nicht der Inneneinrichter.“
Er sah sich noch einmal schnell im Raum um, tippte auf die Seite seiner Sonnenbrille und kam wieder herunter.
„Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss meine verbleibenden Gehirnzellen vor diesem Remmidemmi retten und ein paar Berechnungen anstellen.“
„Auf keinen Fall, Doctor.“ Clara packte ihn am Ärmel seines Mantels. Sie beugte sich zu ihm hin, damit niemand anderes sie hören konnte. „Du benimmst dich seltsam. Ich meine, noch seltsamer als sonst. Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Oh, es ist immer irgendetwas nicht in Ordnung. Es ist nur so, dass ihr Menschen das normalerweise nicht bemerkt und einfach eurem Alltag nachg–“
„Nein, Doctor, ich meine genau hier und jetzt. Ganz konkret.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Sind diese Kinder in Gefahr?“
„Nein. Überhaupt nicht.“
„Das letzte Mal, als du das gesagt hast, hast du einen Skovox Blitzer in die Schule gelockt und beinahe dafür gesorgt, dass sie zerstört wurde und gut hundert Menschen gestorben sind.“
„Ich hatte alles perfekt unter Kontrolle, bis dieser Sportlehrer beschlossen hat, die exakte Positionierung meiner Generatoren zu sabotieren!“ Er hielt inne, als Clara ihn scharf ansah. „Überlass das einfach mir und geh dem Ganzen aus dem Weg, dann ist niemand in Gefahr.“
„Nimm deine Sonnenbrille ab, schau mir in die Augen und sag das noch einmal.“
Der Doctor schob seine Sonnenbrille hoch, sah ihr in die Augen – und schwieg.
Ein Kind tauchte neben ihnen auf und fragte Clara, wo es die unfertigen Dekorationen hinstellen solle – und unterbrach damit ihre Diskussion.
Clara erklärte dem Kind, was zu tun war, und wandte sich dann wieder an den Doctor. „Du bleibst in der Nähe“, sagte sie bestimmt. „Was auch immer du vorhast, du sorgst dafür, dass niemand in dieser Schule zu Schaden kommt.“
„Okay. Dann gehe ich besser zurück zur TARDIS und lasse sie –“
„Du gehst nirgendwo hin. Du bleibst während der Chorprobe hier und behältst die Situation im Auge. Das ist deine Strafe dafür, dass du mir nichts gesagt hast.“
Der Doctor stöhnte genervt auf, während Clara die Kinder versammelte, sodass sie irgendwie nach einem Chor aussahen. Er verschränkte die Arme und weigerte sich, sich einbeziehen zu lassen. Aber er blieb.
*
Der Doctor stand ganz hinten in der Schulaula, die Arme verschränkt und mit mürrischem Gesichtsausdruck. Trotzdem wanderte sein Blick immer wieder zu Clara, den Kindern und dem ganzen Trubel in der Aula. Er konnte spüren, dass irgendwas nicht stimmte. Er konnte nur noch nicht genau sagen, was es war. Äußerlich wirkte er mürrisch wie immer, aber innerlich brütete er über irgendwas, das ihm als Hinweis oder Erklärung dienen konnte für das, was die TARDIS und seine Schallbrille registriert hatten.
Zumindest passierte während der restlichen Chorprobe nichts allzu Beunruhigendes.
Abgesehen natürlich von den Momenten, als mehrere Kinder versuchten, den Doctor dazu zu bewegen, ihnen bei der Harmonisierung zu helfen, wobei er jedoch kategorisch abstritt, irgendetwas davon zu verstehen, bevor er seine Sonnenbrille wieder aufsetzte und so tat, als würde er die Lichtanlage studieren. Oder als er die Boombox als „Waffe der psychologischen Folter” bezeichnete und versuchte, den Stecker zu ziehen.
In den nächsten Tagen war er bei den Proben immer, wenn auch widerwillig, dabei. Er starrte die ganze Zeit hinter seiner Sonnenbrille herum, zog Schrauben fest, die gar nicht festgezogen werden mussten, suchte harmlose Requisiten nach multidimensionalen Störungen ab und wich Claras bohrenden Blicken aus. Er half beim Aufbau der Kulissen, korrigierte Kinder, die für seinen Geschmack deutlich zu schief sangen, schenkte Tee ein und starrte jeden Pappengel finster an, als würde er ihm drohen, sich ja nicht daneben zu benehmen.
Zwischen den Proben grübelte er in der TARDIS vor sich hin, machte Berechnungen und überprüfte eine Datenbank nach der anderen, um eine Übereinstimmung für die Signale zu finden, die er entdeckt hatte.
Nichts.
Clara kam ein paar Mal vorbei, um zu fragen, ob er schon was rausgefunden hatte, ob die Kinder in Sicherheit waren, worin die Gefahr bestand.
„Ich arbeite dran“, entgegnete er knapp.
„Kann ich irgendwie helfen?“
Aber natürlich wollte sie nicht den ganzen Weihnachtsquatsch absagen und mit ihm nach Gearrth fliegen oder zum Nachmittagstee mit Ada Lovelace. War ja klar.
Nichts ging wirklich voran. Alles war fast schon enttäuschend normal.
Keine Turbulenzen mehr, keine Veränderungen in der Realität, keine wütenden Aliens, die aufgrund von akustischer Folter angriffen – was zu diesem Zeitpunkt eigentlich das Recht jeder außerirdischen Spezies gewesen wäre.
Die Tage vergingen – aus Sicht des Doctors langweiliger- und frustrierenderweise – ohne Zwischenfälle. Nur die Messwerte waren weiterhin erhöht, mit Spitzenwerten in der Nähe der Schulaula.
Das Beste war, vorbereitet zu sein. Auf was auch immer da kommen mochte.
*
Der Tag der Generalprobe kam und alle waren total aufgeregt.
Die Requisiten wurden natürlich erst in letzter Sekunde fertig. Jetzt war alles ein einziges Durcheinander aus Last-Minute-Anpassungen, lauten Stimmen und absolutem Chaos. Die Kinder rannten zum ersten Mal in ihren vollständigen Kostümen herum, Mrs. Blakesley versuchte, die frisch gedruckten Noten an alle auszuteilen, und jemand tackerte hastig einen tiefen Riss in einer Requisite wieder zusammen. Irgendwie schien nichts am richtigen Ort zu sein.
Der Doctor hielt sich derweil – für seine Verhältnisse – unauffällig im Hintergrund. Für diesen Abend hatte Clara ihm ein striktes Einmischungsverbot auferlegt, das er ignorierte. Er schlich am hinteren Ende der Halle herum, auffallend ruhig, ölte die Scharniere der Doppeltüren, überprüfte den Zustand der Beleuchtungsanlage, verstärkte „für alle Fälle“ die Halterung über der Kulisse und platzierte diskret fünf kleine Quantenstrahl-Impulsgeber in den Ecken des Raumes und unter einem Sitz in der ersten Reihe. Er kalibrierte die Feuermelder neu – zum zweiten Mal – und platzierte an einigen Stellen ein paar Schutzvorrichtungen, diesmal gut versteckt vor Sportlehrern und anderen neugierigen Leuten.
Clara hatte ihm ein paar vielsagende Blicke zugeworfen und versucht, ihn davon abzuhalten, diesen wichtigen, ohnehin schon chaotischen Abend zu ruinieren. Aber der Doctor hatte so getan, als würde er nichts bemerken, und einfach weitergemacht.
Seine ein-, fünf-, hundertfachen Scans auf Anomalien in den letzten paar Minuten hatten alle das gleiche Ergebnis gebracht: Es gab Anomalien. Sie wurden von Minute zu Minute dichter. Doch bis jetzt zeigte sich nichts.
Bis zu dem Moment, als der letzte Pappengel aufgehängt wurde.
„Gut gemacht, alle miteinander!“, lobte Clara das Team – einschließlich des Doctors, der gerade die Leiter herunterkletterte –, während sie einen Schritt zurücktrat, um sich die fertige Bühnenkulisse anzusehen.
Die Kinder hatten sich auf der Bühne versammelt, umgeben von einer liebevoll gestalteten und fast gar nicht windschiefen Winterwunderwelt aus Pappe. Scheinwerfer tauchten sie in silbernes Licht und ließen ihre selbstgenähten Kostüme funkeln. Mrs. Blakesley stand vor ihnen und schenkte den aufgeregt plappernden Kindern ein Lächeln.
„Ruhe“, sagte sie und hob die Hand. „Lasst uns das Programm einmal von Anfang bis Ende durchgehen.“
Sie nickte Clara zu, die die Musik an der Boombox startete.
Als sie die ersten Töne von „In der klaren Mittenacht“ hörten, legte sich eine konzentrierte Stille über den Chor. Die Kinder hielten ihre Notenblätter fester und alle Augen richteten sich auf Mrs. Blakesley, die ihre Hand hob, um zu dirigieren.
Alle Augen außer denen des Doctors.
Der Doctor hatte schon genug optische Täuschungen gesehen und eingesetzt, um zu wissen, dass das hier keine war. Mit perfektem Timing für die Zeile „von Engeln, die sich zur Erde neigten“ beugte sich einer der Pappengel zur Bühne hinunter.
Die Doctor spannte sich an. Er machte einen vorsichtigen Schritt auf die Bühne zu, dann noch einen, den Blick fest auf den Engel gerichtet. Er bemühte sich, gelassen zu wirken, aber er hatte diesen grimmigen Ausdruck im Gesicht, der nie etwas Gutes verhieß.
Clara bemerkte, dass er sich bewegte, und wandte sich um. Als sie seinem Blick nach oben folgte, zog sich ihr Magen zusammen. Einer der Pappengel über den Kindern beugte sich herunter. Er wiegte sich nicht in einem Luftzug. Er beugte sich herunter, langsam und bewusst, in Richtung Bühne.
„Doctor?“, flüsterte sie.
Er machte nur eine unauffällige Handbewegung. Bleib ruhig.
Sein Blick war so konzentriert, scharf und wachsam, dass ihr Mund trocken wurde.
Aber sie konnte nicht einfach nur danebenstehen, sie musste die Kinder beschützen.
Auf der Bühne runzelte Maisie die Stirn und neigte fragend den Kopf. Das veranlasste Mrs. Blakesley, sich halb umzudrehen. Sie bemerkte, dass Clara und der Hausmeister angespannt aussahen, und formte mit den Lippen die Worte „Ist alles in –?“, bevor sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung über sich wahrnahm.
Sie schnappte nach Luft. Aber ihr Lehrerinstinkt setzte sofort ein.
Sie hob die Hand, um den Gesang zu unterbrechen. Die Kinder verstummten sofort, überrascht von der plötzlichen Unterbrechung.
„Geht alle ein Stück zurück, nur ein bisschen“, sagte sie so ruhig wie möglich.
Sie schauten sie fragend an.
„Ich glaube, eine der Bühnenrequisiten hat sich gelöst und –“
Verwirrte Gesichter wandten sich nach oben. Mehrere Kinder schrien auf, als sie den herunterkommenden Engel sahen. Sie wichen vom Rand der Bühne zurück und stolperten dabei über ihre eigenen Füße.
„Er fällt herunter!“
„Oh nein, er bewegt sich!“
Einige Kinder wichen zurück, umklammerten ihre Liedblätter und hielten sie wie Schutzschilde vor sich.
„Ich habe Angst!“
Clara streckte ihren Arm aus, um Michael und Yuki aufzufangen, die instinktiv vom Podest herunterspringen wollten. „Es ist alles in Ordnung, es ist alles in Ordnung – bleibt alle ruhig“, sagte sie, obwohl sie spürte, wie ihr eigener Herzschlag sich beschleunigte.
Mrs. Blakesley hatte sich zwischen dem Rand der Bühne und den Kindern im Hintergrund positioniert und war total fassungslos. „Was zum Teufel ist hier los?“, flüsterte sie Clara zu.
„Er muss sich gelöst haben“, sagte Clara bestimmt.
„Aber er hat sich bewegt!“, kreischte Nicky.
Der Engel schwebte auf der Stelle – unbeweglich, seit der Chor verstummt war. War sein aufgemaltes Lächeln etwas dunkler geworden? Suchten seine kohlschwarzen Augen etwas unter den Kindern, die sich zwischen den Requisiten zusammengekauert hatten?
Unterdessen spielte die Boombox unbeeindruckt vom drohenden Chaos weiter ihre festliche Melodie.
„Hat er nicht“, sagte der Doctor, offenbar ebenso unbeeindruckt wie das Gerät.
Er hatte seine Sonnenbrille herausgeholt und ging zielstrebig auf die Bühne zu, den Blick auf die hin und her pendelnde Gestalt gerichtet. Er kletterte hinauf, stellte sich zwischen die Menschen und den Engel und hob scharf die Hand.
„Trotzdem, niemand fasst ihn an. Niemand nähert sich ihm.“
Clara stand neben ihm. „Hatte niemand vor“, sagte sie mit leiser Stimme. „Doctor, was ist mit den Kindern?“
„Bringt sie raus“, sagte er ebenfalls mit leiser Stimme. Dann fuhr er lauter fort: „Alle runter von der Bühne. Ich kümmere mich darum. Ich bin schließlich der Hausmeister.“
Es war, als hätten die Kinder auf dieses Stichwort gewartet. Mrs. Blakesley und Clara schafften es gerade noch, sie einigermaßen geordnet die Treppe hinunterzubringen, bevor die meisten von ihnen auseinanderstoben. Nur Maisie und Robin blieben in einiger Entfernung im Mittelgang stehen und beobachteten interessiert, was der Hausmeister tat.
Clara schaltete die Musik aus.
„Habt ihr nicht gehört?“, sagte sie. „Raus hier.“
„Wir sind nicht mehr auf der Bühne“, antwortete Maisie.
„Und wir sind nicht in seiner Nähe“, fügte Robin hinzu.
„Oh Mann, na gut.“ Clara seufzte. „Dann geht wenigstens noch einen Schritt zurück.“
Der Doctor verschwand bereits tiefer in der Kulisse und schlüpfte zwischen Pappbäumen und gemalten Schneeverwehungen hindurch. Er drückte auf einen großen roten Knopf auf einer Fernbedienung, die er aus seinem Overall gezogen hatte, und ein sanftes Leuchten hüllte den Saal ein. Es ähnelte ein wenig einer durchscheinenden Glaskuppel. Dann verschwand das Schimmern und hinterließ nur ein leises Summen in der Luft.
„Doctor, was machst du da?“, zischte Clara, die direkt vor der Bühne stand.
„Verhindern, dass das, was auch immer das ist, abhaut.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Du wolltest doch nicht, dass es irgendjemanden in dieser Schule schadet, oder?“
Dann wandte er sich dem sich hinabbeugenden Engel zu und erhob seine Stimme: „Okay. Ich weiß, dass du da drin bist. Rede mit mir.“
Nichts passierte.
Maisie, Robin und Clara tauschten einen Blick aus.
Der Doctor schien jedoch angestrengt zu lauschen und tippte zweimal auf seine Sonnenbrille.
„Mh-hm“, sagte er plötzlich. „Ja, das habe ich mir gedacht.“
„Was hast du dir gedacht?“, fragte Clara.
Er ignorierte sie. „Ah. Oh. Uuuuh, das ist … kompliziert.“
„Doctor, was ist denn?“
„Das da ist auf jeden Fall kein Engel. Und zum Glück auch kein Weinender Engel, also hatten wir echt Glück, glaub mir. Sei froh, dass du denen nur kurz begegnet bist. Mit einem Weinenden Engel wäre das eine ganz andere Geschichte. Eher ein Halloween-Special.“ Er bemerkte Claras ungeduldigen Blick und kam direkt zum Punkt. „Basierend auf dem, was es gesagt hat, und den Messwerten, die ich bekomme, würde ich sagen, dass wir einen Besucher – oder mehrere Besucher – aus der siebten Dimension haben. Oder sogar aus einer noch höheren Dimension; ich sollte die Rechenleistung meiner Sonnenbrille beim nächsten Update mal aufrüsten.“
„Ein was?“
„Ein Außerirdischer. Ein Wesen, das in mindestens sieben Dimensionen existiert und von den Pappengeln da oben Besitz ergriffen hat“, erklärte der Doctor. Dann spitzte er wieder die Ohren. „Ah, ja. Da sie keinen Körper haben, wissen weder ich noch sie, ob sie nur ein Wesen sind oder mehrere. Belassen wir es bei ‚sie‘.“
„Und … sind sie eine Bedrohung?“, fragte Clara.
„Also, lass dir gesagt sein, ihre Sprache ist extrem komplex und sie sprechen einen furchtbaren Dialekt. Entweder kommen sie in Frieden oder sie lassen unsere Realität in Stücke fliegen. Schauen wir mal, welche Variante zutrifft, hm?“
„Hat der Hausmeister den Verstand verloren?“, flüsterte Maisie.
„Ich kommuniziere telepathisch!“, sagte der Doctor, als würde er einem Kind das Offensichtliche erklären. Was er ja auch tat. „Nicht alle Spezies in diesem Universum kommunizieren, indem sie mit ihrem Mund irgendwelchen Unsinn erzählen und sich dann darüber aufregen.“
Robin zuckte mit den Schultern. „Kommt mir schon so vor.“
Clara war hin- und hergerissen zwischen einem unterdrückten Kichern und der Sorge um die Menschen in diesem Raum, in dieser Schule und im ganzen Bezirk. Bisher waren Begegnungen mit Außerirdischen immer mit viel Feindseligkeit, Kämpfen und Wegrennen verbunden gewesen, deshalb blieb sie wachsam, auch wenn die Pappengel im Moment nichts weiter zu sein schienen als genau das: Pappengel.
„Doctor, kannst du herausfinden, was sie wollen, und sie davon überzeugen, dass sie das hier nicht bekommen? Und“, fügte sie hinzu, „versuch, sie nicht wütend zu machen.“
„Wann hab ich das jemals getan?“
Clara hob eine Augenbraue.
Der Doctor wandte sich wieder den außerirdischen Engeln zu. Er sagte nichts mehr laut, aber es war offensichtlich, dass er wieder mit ihnen sprach.
Irgendwann drehte er sich um und schaute in Richtung Maisie und Robin, die immer noch vom Mittelgang aus alles beobachteten. Er schob seine Sonnenbrille hoch, sein direkter Blick wurde noch eindringlicher und brachte die beiden Kinder dazu, unruhig mit den Füßen zu scharren.
Dann drehte er sich wieder um.
„Nein, ich glaube nicht“, sagte er laut. Eine kurze Pause folgte. „Oh gut, ihr mögt die Kinder. Das ist schon mal ein Anfang. Viel besser als Option B.“
„Was ist Option B?“, fragte Maisie.
„Nicht so wichtig.“
Wieder entstand eine Pause. Schließlich sah der Doktor Maisie und Robin einen langen Moment lang in die Augen. Er hörte schweigend zu. Und dann nickte er.
„Hey, ihr beiden. Ihr seht mutig aus und – sehr zu meinem Leidwesen – auch ein bisschen waghalsig. Aber genau das brauchen wir gerade. Kommt her.“
„Auf keinen Fall“, schaltete sich Clara ein.
„Oh, Clara, vertraust du mir nicht?“
„Genau deshalb sage ich das.“
„Wann habe ich jemals …? – Ach, schon gut.“ Er winkte die Kinder zu sich heran.
Sie zögerten und warfen den Pappengeln einen misstrauischen Blick zu.
Sie näherten sich vorsichtig der Bühne.
Der Doctor ging in die Hocke. „Maisie und Robin, ihr kennt doch dieses Weihnachtslied auswendig, oder?“
Sie nickten.
„Ich möchte, dass ihr es singt.“
„Was, jetzt sofort?“, fragte Robin.
„Nee“, erwiderte der Doctor und zog das Wort in die Länge. „Erst wenn diese außerirdische Wesenheit beschlossen hat, eure Dimensionen und die beiden anderen zu zerstören, damit diese Welt ein schönes Requiem bekommt. “
„Doctor!“
Er setzte schnell ein Lächeln auf. „Ja, natürlich jetzt sofort.“
„Erinnerst du dich an deine zweite Stichwortkarte?“
„‚Es tut mir leid, ich wollte euch nicht erschrecken. Wir werden alle unversehrt aus dieser Situation herauskommen. Ich brauche nur eure Hilfe‘“, zitierte der Doctor.
Maisie und Robin wechselten einen aufmunternden Blick. Maisie zählte leise bis vier ein – und dann sangen sie.
„In der klaren Mitternacht erklang das herrliche alte Lied, von Engeln, die sich zur Erde neigten, um ihre goldenen Harfen zu spielen.“ Ihre Stimmen klangen nicht so kraftvoll wie ein ganzer Chor. Aber ihre A-cappella-Version war dafür umso inniger und herzlicher.
„‚Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen, vom gnadenreichen König des Himmels.‘ Die Welt lag in feierlicher Stille, um den Engelsgesang zu hören.“
Plötzlich blickten sie auf. Auch Clara sah sich verwirrt um. Die Boombox war immer noch ausgeschaltet. Trotzdem konnten sie leise Harfenmusik hören. Robin und Maisie begannen mit der zweiten Strophe – ihre Stimmen zitterten leicht bei ein paar Tönen – und es war, als würde jemand eine zweite Stimme hinzufügen, sanft und überirdisch, die dem Lied eine ganz neue Dimension verlieh.
Der Doctor richtete sich lächelnd auf.
„Hört ihr das?“, fragte er. „Das sind sie.“
Er zeigte nach oben, wo das gemalte Lächeln des ersten Engels immer breiter wurde. Auch andere Engel beugten sich herunter, ihre Flügel raschelten leise, als sie mit ihnen flatterten. Die Pappsterne strahlten wie mit echtem goldenen Sternenlicht.
„Vorhin hat die Musik aus euren Lautsprechern sie übertönt, aber auch da schon … wollten sie einfach nur mitsingen“, fügte der Doctor hinzu. „Hört zu. Hört, wie schön das ist.“
Maisie hielt inne, um zuzuhören, während Robin die Strophe zu Ende sang: „Und über Babels Lärm ertönt der gesegnete Engelsgesang“, bevor auch Robin inne hielt und mit großen Augen auf die Bühnenkulisse starrte.
„Wie ich schon sagte, das ist eine fremde Spezies, die in sieben oder mehr Dimensionen lebt. Sie kommunizieren über Oszillationen und chemische Prozesse und all die kleinen Reaktionen, die Gefühle auslösen.“
Er schaute in drei ausdruckslose Gesichter.
„Ach ja, Matschbirnen …“ Er seufzte. „Sie nutzen Schallwellen und eine ganze Menge Chemie. Das lernt ihr in der neunten Klasse.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wie sie den Weg in eure Welt gefunden haben, aber diese ganze festliche Atmosphäre und die Stimmen der Kinder müssen sie angezogen haben. Sie reagieren einfach auf die Harmonien, auf die Kinder. Ich glaube, ihnen gefällt das, was sie hören, und sie genießen es einfach.“
„Und weiter?“, fragte Maisie. „Ich meine, was wollen sie?“
„Sie greifen euch nicht an. Ich glaube, das ist eine kulturelle Begegnung. Womöglich wollen sie bloß zuhören“ sagte der Doctor.
„Kannst du sie nicht einfach fragen?“ sagte Robin. „Teller-patisch. Oder wie auch immer das heißt.“
„Natürlich kann ich das“ sagte der Doctor.
Er hielt erneut inne und schloss die Augen.
„Entweder wollen sie einen Sturm entfachen. Oder sie wollen mitmachen.“
„So wie gerade eben? Wow, das wäre ja der Hammer!“, rief Robin.
„Echt mal, das wär total cool!“, stimmte Maisie zu.
Die beiden schienen ihre Angst komplett vergessen und gleichzeitig akzeptiert zu haben, dass es Außerirdische gab, die auch noch unbedingt bei ihrer Klassenaufführung mitmachen wollten.
Clara war auf die Bühne geklettert und knuffte den Doctor. „Was glaubst du, wie das laufen würde? Stell dir nur mal vor, dass sich die Engel übermorgen während der Aufführung runterbeugen und anfingen zu singen. Das würde bei den Eltern und bei den Gästen einen Riesenaufruhr geben.“
„Ich hab da so eine Idee“, meinte Maisie.
*
Der Auftritt des Chors war ein Riesenerfolg. Das lag vor allem am großen Finale, das mit lautem Jubel und tosendem Applaus belohnt wurde.
Zuvor hatten Maisie und Robin alle Kinder und Mrs. Blakesley zusammengetrommelt, um ihnen zu erzählen, dass die Engel ein Spezialeffekt waren, den sie zusammen mit dem „neuen coolen Hausmeister” entwickelt und gebaut hatten. Maisie und Robin sowie Clara und der Doctor hielten es für das Beste, nichts über Außerirdische zu erwähnen. Einige Kinder blieben skeptisch. Bis sie es mit eigenen Augen sahen. Der „neue coole Hausmeister” drückte auf besonders theatralische Weise einen Knopf auf seiner Fernbedienung. Als sich die Engel – nach einer kurzen telepathischen Unterhaltung – von ihren Verankerungen lösten und singend durch den Raum flogen, brach eine Mischung aus Geschrei und Jubel aus. Sogar Mrs. Blakesley war beeindruckt, nachdem sie sich von ihrem anfänglichen Schock erholt hatte.
Es wurde beschlossen, dass die „Klare Mitternacht“ ans Ende des Programms verschoben werden sollte und alle Kinder ihren Eltern und den anderen Gästen erzählen sollten, dass der Chor etwas super Cooles für seinen Auftritt geplant hatte.
Infolgedessen war die Schulaula nicht nur mit dem Duft von Räucherkerzen, Glühwein und Tannenzweigen, funkelnden Lichtern und gemütlicher Wärme erfüllt, sondern auch mit dem erwartungsvollen Gemurmel des Publikums. Alle Plätze waren besetzt.
Die ersten Lieder waren klassisch weihnachtlich und feierlich und sorgten für eine besinnliche Stimmung. Dank der Überzeugungskraft des Doctors hörten die außerirdischen Engel regungslos zu, auch wenn einige von ihnen ein bisschen breiter lächelten oder ihre Flügel ein bisschen heller funkelten. Aber sobald Mrs. Blakesley das Zeichen gab, mit „In der klaren Mitternacht“ anzufangen, gab es kein Halten mehr. Die Engel beugten sich herunter und stimmten in den Chor ein. Die Musik wurde absichtlich leiser gestellt, damit das Publikum den himmlischen Gesang und das zarte Harfenspiel hören konnte, das sich mit den Stimmen der Kinder vermischte.
Der Doctor, schick angezogen mit seinem Mantel und einem festlichen Anzug, tat so, als würde er wieder eine Funktion auf seiner Fernbedienung aktivieren, und die Engel flatterten durch den Saal. Es gab viele „Oohs“ und „Aahs“ und überraschte Ausrufe, aber dann jubelte die erste Person und andere stimmten mit ein.
Am Ende des Liedes sang der ganze Saal zusammen „Und die ganze Welt dieses Lied singt, das nun die Engel singen“ und die Engel nahmen das Lied auf und schickten Wellen der Harmonie zurück, die allen Anwesenden das Herz erwärmten.
Nach dem letzten Applaus gab es sogar eine Zugabe, und lange nachdem das Stück zu Ende war, standen Familien und andere Gäste bei Glühwein, Tee und Plätzchen zusammen und betonten immer wieder, dass dies die beste Schulaufführung in Coal Hill gewesen sei, die sie je gesehen hatten.
*
„Ihr wisst, dass ihr nicht hierbleiben könnt“ sagte der Doctor.
Als Hausmeister war er nach der Veranstaltung zurückgeblieben, um die „Spezialeffekte“ zu beseitigen.
Clara beobachtete ihn dabei, wie er Requisiten einsammelte und alle Pappengel in einem Halbkreis anordnete. „Räumst du hier gerade auf?“
„Eindämmung. Das ist was ganz anderes.“
Er stellte seine Quantenstrahl-Impulsgeber um die versammelten Engel herum auf und drehte an einem Regler auf seiner Fernbedienung. „Hey, haltet euch an diese Dimensionen, klar? Und franst nicht die Ränder aus, ich hab keine Lust auf noch mehr Überstunden. Ich würde echt gern so langsam mal Feierabend machen.“
„Sie reden immer noch so komisch“, sagte Maisie. Robin und sie hingen immer noch rum, beide mit einer Tasse Tee und einem Plätzchen in der Hand. „Also sind das wirklich Außerirdische?“
„Was denkst du?“ Der Doctor zog eine seiner buschigen Augenbrauen nach oben.
„Ich dachte, vielleicht sind es doch nur Spezialeffekte und Sie sind einfach ein bisschen seltsam.“ Maisie zuckte mit den Schultern und schob sich ein Plätzchen in den Mund.
Er rang die Hände. „Du warst doch dabei, als ich euch alles erklärt habe! Wie kannst du immer noch denken, dass das alles nicht echt ist?“
„Aber wenn das wirklich Außerirdische sind“, warf Robin ein. „Warum sind Sie dann nicht überrascht? Oder erschrocken?“ Robin hielt inne. „Keiner von Ihnen beiden. Miss Oswald hat es auch einfach so hingenommen.“
„Du doch auch“, gab der Doctor zurück.
„Also, gibt es Außerirdische wirklic? Ganz in echt?“, fragte Maisie. „Und Sie sind nicht einfach nur ein Verrückter, der uns veräppelt?“
„Das mit den Äpfeln hab ich schon in meinem letzten Leben hinter mir gelassen.“ Der Doctor zuckte mit den Schultern. „Und mit Birnen will ich gar nicht erst anfangen.“
„Nun ja“, sagte Clara, um das Geschwätz zu unterbrechen. „Wir haben ein paar seltsame Sachen gesehen, die definitiv nicht von dieser Welt waren. Aber bevor wir uns damit beschäftigen, Hausmeister, würde ich es begrüßen, wenn wir hier endlich dafür sorgen könnten, dass die Luft wieder rein ist. Also?“
„Richtig.“ Der Doctor setzte seine Sonnenbrille wieder auf und tippte an ihre Seite. Er wandte sich den Pappengeln zu. „Ja, ich weiß, dass ihr gerne weiter singen würdet. Aber nicht hier.“
Er ging durch den Raum und sammelte weitere Geräte ein, die er „für alle Fälle“ aufgestellt hatte.
Clara hielt es für das Beste, das nicht zu kommentieren.
„Ihr seid nicht an diese Welt gebunden“, fuhr der Doctor fort. „Ihr könnt weiterreisen. Hört zu. Singt eure Lieder an anderen Orten. Weihnachten findet überall statt, jederzeit, in jedem Winkel des Universums.“
Er hielt inne und drehte den Regler auf seiner Fernbedienung ein Stück nach rechts. Die Quantenstrahl-Impulsgeber summten leise.
„Ja, ich hab’s gehört, aber die Antwort ist trotzdem ‚nein‘.“
„Ihr könntet ja nächstes Jahr wiederkommen“, schlug Robin vor.
„Ja, der Gesang und die buchstäblich lebendigen Kulissen waren echt cool!“, stimmte Maisie zu.
„Habt ihr gehört? Ihr seid eingeladen. Und jetzt geht endlich.“
Clara starrte ihn an. „Du ermutigst doch nicht ernsthaft Außerirdische, uns an Weihnachten zu besuchen.“
„Warum nicht? Das hat Tradition“, sagte der Doctor. „Und dieses Mal sind sie sogar eingeladen. Sie sind sogar ziemlich nett. Das ist doch mal eine schöne Abwechslung, findest du nicht?“
Es war, als würde ein leiser Glockenton durch die Luft schweben. Er vermischte sich mit Harfenklängen, die so zart waren, dass sich die Anwesenden nicht sicher waren, ob sie sie wirklich hörten oder sie sich nur einbildeten. Dann wurden sie von Wellen überflutet – Dankbarkeit, Wärme, Glückseligkeit.
„Was ist das?“, fragte Robin.
Keiner von ihnen konnte sich ein Lächeln verkneifen.
„Ein Abschiedsgeschenk“, sagte der Doctor.
Dann waren sie verschwunden. Die Pappengel waren wieder nur Pappengel.
Die vier blinzelten, als würden sie aus einem Traum erwachen.
Der Doctor nahm seine Sonnenbrille ab und schnappte sich seine Sachen.
„Okay, das war’s. Tschüss. Ab ins Bett mit euch, oder was auch immer ihr vorhabt.“
„Warten Sie! Kommen die wirklich nächstes Jahr wieder?“, fragte Maisie.
„Ihr habt sie doch eingeladen, oder nicht?“
Robin und Maisie schauten sich an. „Cool!“
„Was machen Sie jetzt? Außer aufräumen“, fragte Robin.
„Auf keinen Fall aufräumen“, sagte der Doctor und war schon durch die großen Doppeltüren hinausgegangen. „Ich glaube, es ist endlich Zeit für unseren Ausflug nach Gearrth.“ Er sah Clara an. „Kommst du?“
Maisie und Robin ließen sich nicht abschütteln. „Können wir auch mitkommen?“
„Auf keinen Fall“, sagte Clara im gleichen Moment, als der Doctor sagte: „Ja, warum nicht.“
Er grinste schelmisch. „Endlich jemand, der den spektakulärsten Sonnenaufgang der ganzen Galaxie sehen will.“
Clara starrte ihn an. „Ich habe nicht … du kannst nicht …“ Sie seufzte. „Ich würde ja sagen, du erklärst es den Eltern, aber das ist keine gute Idee.“
Er lief einfach den Flur entlang, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und grinste vor sich hin.
Die beiden Kinder folgten ihnen neugierig durch die dunklen Schulflure.
„Was auch immer ihr sehen werdet“, sagte Clara zu ihnen, „versprecht mir, dass es unter uns bleibt. Erzählt es nicht euren Freunden und schon gar nicht euren Eltern. Abgemacht?“
„Ich kann nichts versprechen“, sagte Maisie grinsend.
„Kommt drauf an, was jetzt kommt“, fügte Robin hinzu.
„Warum frage ich überhaupt?“, sagte Clara. Dann beugte sie sich näher zum Doctor. „Sorg einfach dafür, dass ich ihren Eltern keine unangenehmen Dinge erklären muss.“
„Natürlich. Ich bin doch der Hausmeister! Ich kümmere mich darum.“
Der Doctor schloss die Tür zur Werkstatt auf. In der hinteren Ecke stand eine übermannshohe blaue Holzkiste. Er ging direkt darauf zu.
„Also gut, ihr beiden. Kommt mit“, sagte er und tippte an die Tür der TARDIS. „Aber ich warne euch: Ladet keine weiteren Außerirdischen zu eurer nächsten Weihnachtsfeier ein.“
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