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    Vollkommene Schwärze umfing Gideon Manning. Er schien zu schweben, leicht und unbeschwert. Ein leises, monotones Rauschen erfüllte die Dunkelheit. Dann glomm ein Licht auf. Es breitete sich rasch aus und formte Buchstaben:

    »Herzlichen Glückwunsch zum Level Up!
    Willkommen auf der nächsten Stufe von Yparxi.«

    Die Buchstaben verblassten. Schlagartig zog sich die Dunkelheit zurück und gab den Blick frei auf etwas, das entfernt erinnerte an das Innere eines Computers. Schaltkreise, Dioden und Lüfter thronten auf riesigen Platinen. Digitale Anzeigen informierten über die Temperatur und den Zustand der Platinen. Alles blinkte und rauschte und piepste. Festplatten – groß wie Hochhäuser – standen zwischen den Leiterplatten wie eine Speicherstadt aus grauem, gebürsteten Metall. Kabelstränge formten Bäume und ein weit verzweigtes Geäst zwischen den schimmernden und blinkenden Türmen. Und mitten durch die gigantische Anlage führte ein neonbeleuchteter Weg. Er mündete in einem Portal, über dem eine kaltweiße Anzeige »LEVEL 9« verkündete.

    Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, ging Gideon den Weg entlang. Erst jetzt realisierte er überhaupt, dass er ging. Abrupt blieb er stehen.

    »Was soll das denn? Wo bin ich hier gelandet?«

    »Bitte gehen Sie weiter«, sagte eine laute, metallische Stimme.

    Gideon zuckte heftig zusammen.

    »Ihre nächste Mission ist bereit.«

    Die Stimme schien von überall her zu kommen. Trotzdem sah sich Gideon um.

    »Wer spricht da? Wo bin ich hier?«

    »Mein Name ist Morticia – oder kurz Mort. Ich bin die künstliche Intelligenz, die Yparxi steuert. Sie haben Ihr aktuelles Level abgeschlossen und die nächste Stufe erreicht. Bitte gehen Sie weiter. Ihre nächste Mission ist bereit.«

    »Was für eine Mission? Ich hab keine Mission!«

    »Jedes Level ist mit einer neuen Mission verbunden. Da Sie die vorherige Mission erfolgreich abgeschlossen haben, sind Sie ein Level aufgestiegen. Bitte gehen Sie weiter. Ihre nächste Mission –«

    »Ich hab keine Mission!«, unterbrach Gideon die Stimme aufgebracht. »Was soll das hier überhaupt sein? Ich war doch eben noch im Krankenhaus und hab mit Penny gesprochen und … Moment, bin ich vielleicht eingeschlafen und träume das alles nur?«

    »Yparxi ist real. Ihre vorherige Mission ist abgeschlossen. Bitte gehen Sie weiter. Ihre nächste –«

    »Den Teufel werd ich tun! Was soll dieser ganze Spuk hier?«, fuhr Gideon erneut auf.

    »Jetzt hören Sie schon auf, mich ständig zu unterbrechen und gehen Sie endlich weiter!«, raunzte die metallische Stimme. »Sie sind nicht der einzige, der hier heute durch muss, also tun Sie mir bitte den Gefallen und gehen durch dieses Portal dort! Sie halten hier alles auf.«

    Für ein paar Sekunden war Gideon zu perplex, um zu reagieren.

    Die künstliche Stimme räusperte sich und fuhr in gewohnt sonorer Art fort: »Bitte gehen Sie weiter. Ihre nächste Mission ist bereit.«

    »Das ist also keine automatische Bandansage? Du hörst wirklich, was ich sage?«

    Stille. Nur die Lüfter rauschten, eine Platte piepste.

    »Ja.«

    »Wie war noch gleich dein Name?«

    »Morticia. Aber ich bevorzuge Mort.«

    »Also, Mort«, begann Gideon. »Du bist für das alles hier verantwortlich?«

    »So ist es.«

    »Wie komme ich, bitte schön, hierher?«

    »So, wie alle hierher kommen. Sie sind ein Level aufgestiegen.«

    »Nein, ich meine, wie komme ich hierher? Ich war gerade noch im Krankenhaus!«

    »Sie haben die notwendigen Erfahrungspunkte für ein Level Up erreicht. Dadurch haben Sie die nächste Mission freigeschaltet. Dort wenden Sie die bisherigen Erfahrungen an, um erneut ein Level aufzusteigen. Der Transfer und die Speicherung erfolgen automatisch. Das macht Yparxi so praktisch. Dieser Korridor ist nur dafür da, um Sie über das Level Up zu informieren, den aktuellen Stand zu speichern und Sie zum nächsten Level zu führen.«

    »Wozu das Ganze? Ich verstehe überhaupt nichts. Ist das hier irgendeine Art verqueres Spiel?«

    »Ihre Erfahrungspunkte reichen dafür noch nicht aus.«

    »Dann erklär’s mir doch einfach!«

    »Ihre Erfahrungspunkte reichen dafür noch nicht aus. Bitte gehen Sie weiter.«

    »Ich gehe nirgendwo hin! Ich verlange eine Erklärung!«

    »Meine Güte«, knurrte Mort. »Es ist doch nicht meine Schuld, dass Sie erst auf Level acht sind! Es bringt gar nichts, wenn ich Ihnen an dieser Stelle die Zusammenhänge erkläre. Das entspricht nicht dem Konzept von Yparxi. Sie müssen selbst Erfahrungspunkte sammeln und Level aufsteigen, um das große Ganze zu begreifen. Deswegen gibt es die Missionen. Und jetzt gehen Sie endlich weiter. Ich muss mich um die Level 42-Dame nach Ihnen kümmern. Sie schließt gleich ihre aktuelle Mission ab.«

    »Was muss sie denn machen? Mit dem unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive eine Rakete in einen Pottwal verwandeln?«

    »Das verstehe ich nicht.«

    »Dann sind wir ja quitt. Ich verstehe nämlich auch nichts. Und ich gehe nirgendwo hin! Ich will zurück zu Penny!«

    Mort stöhnte genervt auf.

    »Yparxi ist linear angelegt. Es ist nicht möglich, in ein vorheriges Level zurückzukehren. Mit dem Beginn des nächstes Levels werden ohnehin nur die wichtigen Erfahrungen gespeichert. Alle unnötigen Informationen werden gelöscht.«

    »Was soll das heißen? Ich werde Penny und mein ganzes Leben vergessen?«

    »Die Nutzerin Penny Gertz ist keine notwendige Information. Im Gegensatz zu Yparxi ist die Speicherkapazität der Nutzer stark begrenzt. Dadurch können nur essentielle Informationen beim Level Up erhalten werden. Mit dem nächsten Hardware-Update wird die Kapazität erweitert. In vierhundertdreiundsiebzig Zeiteinheiten werde ich zudem das nächste Interface-Update für Yparxi global ausspielen. Nutzer, die mindestens Level 60 erreicht haben, sind bereits in der Betaphase für Yparxi 5.0.«

    »Ich verstehe kein Wort.«

    »Das liegt an Ihrem Level. Die Dame, die nach Ihnen kommt, hat die Natur der Realität bereits begriffen. Und nun gehen Sie weiter. Es ist nicht vorgesehen, dass aktive Nutzer sich im Korridor begegnen.«

    Gideon wurde hellhörig. »Warum nicht?«

    Wieder ein genervtes Stöhnen.

    »Bug Report: Bewusstsein verursacht Komplikationen im Korridor. Für die Übergangsphase im Korridor das Bewusstsein deaktivieren. Reaktivierung erst mit Beginn des neuen Levels. Impact: Fehlfunktion. Priorität: Normal. Frequenz: Rar.«

    »Hey, ich bin keine Fehlfunktion!«

    »Nein, Sie sind ein normaler Nutzer. Aber scheinbar gibt es mit dem Interface oder mit Ihrem Account ein Problem. Dem werde ich später nachgehen. Jetzt gehen Sie bitte weiter.«

    »Hör mal, ich hab wirklich keine Ahnung, was hier vor sich geht. Aber eins weiß ich: Ich werde garantiert nicht weitergehen! Ich hab keine Lust auf so ein dämliches Spiel. Ich will meine ganzen Erinnerungen nicht vergessen, die machen mich doch überhaupt erst zu dem Menschen, der ich bin! Und ich will zurück zu Penny. Von wegen ›keine notwendige Information‹! Ein Leben ohne meine geliebte Penpen kommt für mich überhaupt nicht in Frage – und wenn es noch so kurz ist! Also los, schick mich zurück!«

    »Yparxi ist linear angelegt. Eine Rückkehr in ein früheres Level ist nicht möglich.« Irrte er sich oder klang die metallische Stimme weniger sonor als zuvor? Gehetzter? »Es gibt zwei Optionen: Entweder gehen Sie sofort durch dieses Portal oder ich deaktiviere Ihren Account. Dann gehen alle Daten verloren. Also?«

    Bevor Gideon antworten konnte, erklang ein Zischen in seiner Nähe und der Weg, auf dem er stand, vibrierte kurz. Die Neonbeleuchtung flackerte und erlosch und mir ihr auch die Leuchtdioden und die Anzeigen an den Platinen. Die komplette Speicherstadt lag in vollkommener Dunkelheit. Einzig das Rauschen der Lüfter war geblieben.

    »Was zum …?« Gideon spürte seine Haut kribbeln, vom Haaransatz bis zu den Zehenspitzen. Seine Handflächen wurden feucht.

    »Verdammt!«, zischte Mort.

    In der Schwärze formten sich Buchstaben, die geisterhaft über Gideon schwebten.

    »Herzlichen Glückwunsch zum Level Up!
    Willkommen auf der nächsten Stufe von Yparxi.«

    Die Schrift verblasste, die Beleuchtung sprang wieder an. Die ganze Szenerie lag im bunten Licht der Neonröhren und im ersten Moment war Gideon geblendet. Er blinzelte.

    Neben ihm stand eine Frau – größer als er, schlacksig und mit blonder Dauerwelle. Eindeutig nicht Trillian. Ihre grünen Augen waren unverwandt auf das Portal am Ende des Weges gerichtet, über dem, wie Gideon jetzt erkannte, in kaltweißen Lettern »LEVEL 43« stand.

    »Bitte gehen Sie weiter. Ihre nächste Mission ist bereit«, sagte Morts sonore Stimme. Die Frau setzte sich in Bewegung, ging an Gideon vorbei, als existierte er gar nicht, und schritt auf das Portal zu.

    »Hey!«, rief Gideon und lief ihr nach.

    Sie reagierte nicht.

    »Hey, Sie! Warten Sie!«

    »Bitte gehen Sie weiter. Ihre nächste Mission ist bereit«, drängte Mort.

    Das Portal öffnete sich einen Spalt breit. Grellweißes Licht drang heraus.

    Gideon stolperte hinter der Frau her, die zügig ausschritt, als wäre sie diesen Weg schon hunderte Male gegangen. Gleich hatte sie das Portal erreicht. Ihre Gestalt verschwamm in dem gleißend hellen Licht.

    »Viel Erfolg auf Ihrer nächsten Mission«, sagte Mort.

    »Und Sie, Gideon Manning, bleiben sofort stehen und warten, bis ich Ihre Anzeige auf Level 9 zurückgesetzt habe.«

    »Das werde ich nicht!«, rief Gideon mit fester Stimme.

    »Dieses Level ist nicht geeignet für Sie. Wenn Sie noch einen Schritt machen, muss ich Sie deaktivieren.«

    Das Portal war nun breit geöffnet. Nur noch wenige Schritte, vielleicht zwölf, zehn. Er war direkt hinter der Frau, in ihrem Schatten.

    »Bleiben Sie stehen. Yparxi ist nicht so angelegt, dass Sie –«

    »Ist doch nicht meine Schuld, dass du dieses verrückte Spiel nicht ordentlich angelegt hast! Wenn es von hier aus keinen Weg zurück gibt, dann finde ich eben woanders einen! Du wirst schon sehen!«

    »Deaktivierung Ihres Accounts in 3 …«

    Die Frau hatte das Portal erreicht. Ihre Gestalt erstrahlte so hell wie das Licht um sie herum, löste sich auf.

    »… 2 …«

    Die Flügeltüren des Portals schwangen nach innen.

    »… 1 …«

    Gideon sprang.

    »NEIN!«

    Morts Aufschrei gellte in seinen Ohren.

    Dann schlugen die Türen hinter ihm zu.

    Alles wurde weiß.


    2020

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